Es ist egal wo wir uns gerade in der Normalatmosphäre aufhalten, die Hauptbestandteile unserer Atemluft sind nahezu überall gleich. 78,09 % Stickstoff, 20,95% Sauerstoff, 0,93% Argon, 0,035% Kohlendioxid (vorindustriell 0,026% :-) ) und etwas Neon, Helium, usw. werden uns heute in der Atemluft garantiert. Sommer wie Winter, Tag und Nacht, ob es regnet oder die Sonne lacht. Das ist praktisch - wie ich meine - und macht uns Lungenatmern die Sache schon recht einfach. Für Fische sieht die Geschichte aber ganz anders aus.
Die haben Kiemen
Unter dem Kiemendeckel befinden sich vier Kiemenbögen. Am inneren Rand der konkaven Vorderseite jedes Kiemenbogens sitzen die Reusenzähne (auch Kiemendornen genannt). Diese knorpeligen `Zähne` greifen ineinander und fungieren so als Gitter oder Filter, vor den Kiemenspalten, zum Schutz der Kiemen vor Fremdkörpern aber auch um die Nahrung in der Schlundhöhle zurückzuhalten. Da unser Karpfen eigentlich ein Kleintierfresser ist, sind seine `Kiemen-Zahnlücken` vergleichsweise groß. Karpfen fressen gewöhnlich sehr gezielt und pressen vor dem Schlucken ihre Schlundhöhle über die Kiemenspalten aus. Nicht das Atemwasser allein, sondern auch der nicht gewollte Beifang passiert so das beinahe schutzlose, empfindliche Organ.
Hinter den Kiemendornen folgen dann die Kiemenplättchen. Jeder der vier Kiemenbögen trägt ca. 100 paarige Kiemenplättchen. Feine Atemfältchen vergrößern zusätzlich ihre respiratorische (atmende) Oberfläche. Die gesamte respiratorische Kiemenoberfläche eines 18cm großen zweisömmerigen Karpfens beträgt fast 1200cm² (W.Steffens, 2008) Nur diese hauchdünne und für viele Stoffe durchlässige Zellschicht trennt den Blutkreislauf vom Wasser. Gesunde Kiemen sind demzufolge immer an ihrer durchgängig blutroten Färbung zu erkennen (s. Bild 1).
Eine Zusatzinfo dazu: Die Züchter haben es geschafft Zeil- u. Nacktkarpfen zu produzieren. Ein Nachteil dieser Züchtung liegt aber darin, dass sich auch die Anzahl der Kiemendornen verringert. Diese Fische sollen ebenfalls eine geringere respiratorische Kiemenoberfläche besitzen. Selbst unter guten Lebensbedingungen ist ihre Sterblichkeitsrate deshalb erhöht.
Eine Besonderheit beim Fisch besteht also darin, dass die Kiemen sehr viel näher mit dem Wasser verbunden sind als unsere Lunge mit der Luft. Wie bei uns hat die Atmung bei Fischen die Aufgabe Sauerstoff aufzunehmen und Kohlendioxid auszuscheiden. Doch damit nicht genug. Die Kiemen sind u.a. maßgeblich an der Ausscheidung von Stoffwechselendprodukten beteiligt. Die Stickstoffabbauprodukte (insbesondere Ammoniak, NH3) werden zu 75 bis 85% über die Kiemen ausgeschieden. Harnstoff und andere N-Verbindungen werden in wesentlich geringeren Mengen ausgeschieden. Die Nieren spielen demgegenüber nur eine untergeordnete Rolle (W.Steffens,1985).
Allein aus der pH-Wert-abhängigen Exkretion des wichtigsten Stoffwechselendproduktes, Ammoniak, über die Kiemen ergibt sich für Fische eine mit höheren Organismen nicht vergleichbare starke Umweltabhängigkeit (W. Schäperclaus, 1979)
Noch eine weitere Funktion, die wir nicht unterschätzen sollten, ist die Aufnahme von verschieden lebenswichtigen Salzen durch die Kiemen. Süßwasserfische besitzen für diese Mineralstoffaufnahme Chloridzellen auf den Kiemen.
Bild 2 Aufzahnungen und Schleimbildung
Der Organismus der Koi ist darauf vorbereitet auf natürliche Veränderungen seiner Umwelt zu reagieren. Es sind wieder die Kiemen, die ganz wesentlich dazu beitragen, dass im Innern alles im Rahmen der physiologischen Grenzen bleibt. Der Blut-pH-Wert liegt demnach bei 7,3 bis 7,4. Dieser wird letztlich über die Atmung auf diesem Level gehalten. Damit all die Chemie im Körperinnern richtig funktionieren kann ist eine Regeneration, (Veränderung, Wiederauffrischung, Erholung, usw.) notwendig. So sind die Fische auf die veränderlichen Vorgaben (pH-Tag- /Nachtschwankungen, usw.) aus dem Wasserkörper sogar angewiesen - wenn sie dann im gesunden Rahmen bleiben.
Demgemäß ist die Atemfrequenz stark von der Temperatur und dem Sauerstoffgehalt abhängig (bei 22°C liegt diese normal bei 40 bis 60/min) bei einer mittleren Herzfrequenz von 52/min. Die Sauerstoffverwertung eines gesunden Karpfen beträgt ca.80%.(vergl. wir nutzen nur 24 bis 34% des O² pro Atemdurchgang) Der Sauerstoffverbrauch der Fische kann sich je nach Schwimmgeschwindigkeit gegenüber dem Grundstoffwechsel auf das Zwei- bis Vierfache erhöhen. Durch Nahrungsaufnahme und Verdauung tritt bei Karpfen zudem eine Steigerung des Sauerstoffverbrauchs um bis zu 50% ein. Und diese Effekte summieren sich. (Aktivität+ Futteraufnahme+Verdauung)
Bei pH-Werten von über 8,5 oder NH³-Werten über 0,07mg/l im Wasserkörper verringert sich die Ammoniakausscheidung an den Kiemen. Liegen noch höhere Ammoniakkonzentrationen im Wasser vor, kann dieses sogar über die Kiemen in das Blut eindringen. Ein sodann immer wahrscheinlich werdender Ammoniakrückstau im Blut (Autointoxitation) führt zu schwersten Schäden. Das Kiemengewebe/die Zellen sterben ab. (Tödlich ist ein pH-Wert von 10,8 und pH-Werte von 9 führen zu Erkrankungen der Kiemen und Flossen.)
Kiemenerkrankungen
Nach der Prophylaxe (dem vorbeugenden Schutz) von Fischkrankheiten hat die Behandlung kranker Kiemen (aus meiner Sicht) die absolut höchste Priorität. Eine Schwierigkeit liegt nur eben darin eine rechtzeitige, exakte Diagnose zu stellen. Die Kiemen sind nun mal ein sehr empfindliches Organ, dass auf verschiedene Einflüsse früh reagiert und die Umstände, die zur Einleitung einer Kiemenerkrankung geführt haben, können schon eine längere Zeit zurück liegen.
Hinzu kommt, dass wir durch den einfachen Blick unter den Kiemendeckel die Ursache einer sichtbaren Erkrankung kaum eingrenzen können. Dies gelingt nur - wenn überhaupt- im Ausschlussverfahren (Mikroskopieren, etc.) und in Verbindung mit umfangreichen Wasseruntersuchungen. Häufig sind es anfangs eben Umwelt- und Ernährungsbedingte Krankheiten, weil die Fische unter Bedingungen gehalten werden, die so gar nicht ihrem natürlichen Umfeld entsprechen. Dann frage ich: „Was war zuerst da, ein Fütterungsfehler, ein erhöhter Gasdruck, oder ggf. der hinterhältige kleine Costia ? Liegen Kiemenerkrankungen vor, sollte man immer das gesamte Umfeld unter die Lupe nehmen, sonst sind Rückschlüsse auf die eigentliche Schädigungsursache kaum möglich.
Leichte Blutungen aus den Kiemen sind nicht zwangsläufig ein Hinweis auf eine Kiemenerkrankung. Das sehr dünne und exponierte Gewebe blutet nun leicht einmal. Allein der (Handling-)Stress beim Fischfang und beim Umsetzen kann das auslösen. Ich denke, Sie haben dies bei ihren Koi sicher auch schon des öfteren beobachtet. Keine Panik! Karpfen haben in ihrem Blut einen sehr hohen Fibrinogengehalt. Leichte Blutungen kommen innerhalb einer Gerinnungszeit von 30-60sec. dadurch normalerweise zum Stillstand. Wenn nicht..... hat man ein echtes Problem.
Es gibt zahlreiche Auslöser für Kiemenerkrankungen: Parasiten, Pilze, Algen, Viren (auch KHV, SVC), Bakterien, Toxine ( auch Schwermetalle, insb. in Verbindung mit weichem Wasser), Fremdstoffe, Sauerstoffmangel (führt zu Stress und damit zu einer stärkeren Harnausscheidung mit Elektrolytverlust), Gasübersättigung (Gasembolien können die Blutgefäße der Primärlamellen verstopfen), Temperaturschock, NH3Vergiftungen (die vielleicht häufigste Ursache), hohe/niedrige pH Werte, hohe/niedrige CO 2 Gehalte (bei Überbesatz in Verb. mit techn. Sauerstoff), verdorbenes Futter, Fettmangel (fettarme Ernährung verschlimmert den Krankheitsverlauf), Mineralstoffmangel, Vitaminmangel ( Kiemenverklebungen, Kiemenschwellungen/Aufwölbungen) Fütterungsfehler (Zusammensetzung/ Menge/ Zeitpunkt) Kiemenverklebungen durch verdorbene/oxidierte Fette, usw.
Ist eine Erkrankungen nicht unmittelbar tödlich und wird nicht rechtzeitig bemerkt, entsteht das Bild einer Kiemennekrose. (s.Bild 3) Die Kiemennekrose ist - entgegen der weitläufigen Meinung- keine ansteckende Krankheit sondern nur eine logische Folge auf automatische Prozesse/Reaktionen.
Die Nekrose ist das Endsymptom verschiedener erreger-, umwelt-, oder ernährungsbedingte Kiemenerkrankungen (K. Schreckenbach.1994).
Akut Erkrankte Koi kommen notatmend an die Oberfläche. Ihre Reaktionen lassen nach. Schwer kranke Fische zeigen dann auch kaum noch Fluchtreflexe. Ihr Augendrehreflex ist vermindert oder fehlt. Wird eine Nekrose dennoch überstanden kann es mehrere Wochen bis Monate dauern, bis das geschädigte Gewebe regeneriert ist. Karpfen können einiges wegstecken und sind auch nicht sonderlich empfindlich. So können sie sogar einige Stunden außerhalb des Wassers überleben wenn die Kiemen nicht austrocknen
Damit es gar nicht erst zu einer Nekrose kommt sollten Verhaltensänderungen der Fische immer unsere Aufmerksamkeit erhöhen. Leider geben uns die Pfleglinge oft nur unspezifische Signale.
Am Anfang einer Erkrankung reagieren Fische durch: gesteigerte Unruhe, Verweigerung der Nahrung, schnellerer Atmung, Schütteln, Speibewegung(Husten), Schießen oder Springen, Schrägstellung, usw. Achten Sie einfach auf alles :-)
Bei Kiemenschwellungen und bei starkem Parasitenbefall werden die Kiemen abgespreizt. Eine Zerstörung der Kiemenblattenden kann auftreten, wenn Kiemenwürmer anwesend sind. Verstopfungen der Gefäße durch Gasembolien oder Blutwürmern werden durch eine Dunkelfärbung angezeigt. Kleine weiße Pünktchen ruft ein Befall mit Ichthyo hervor. Hohe Ammoniakkonzentrationen Weißfärbung. Bräunliche Verfärbungen der Kiemenenden sind oft ein Zeichen der Kiemenfäule, eine Aufzahnung mit Schleimbildung(wie im Bild 2) kann die Kiemenfäule verursachen, oder aber..... und…
Bild 3 Nekrotische (d.h. abgestorbene) Kiemenzellen und –gewebe.
Um vielleicht vorhandene Ektoparasiten nachweisen zu können, muss man einen Abstrich von den Kiemen fertigen und sofort mikroskopieren. Und dann?
Zu welchem Urteil kommen wir, wenn im nekrotischen Gewebeabstrich tatsächlich ein paar Costien nachweisbar sind?
Schauen Sie sich Bild 3 bitte noch einmal an. Braune und helle Flächen, Schleim, Blutungen, Verklebungen, Schwellungen, abgestorbenes Gewebe. Was hat zu diesem Krankheitsbild geführt? Ich sags nicht. Nur soviel. Die richtig hellen Pünktchen kommen vom Blitzlicht. ;-)
Empfehlungen
Die Behandlung der Kiemennekrose mit Medikamenten ist nicht möglich. Andauernde Stressoren und eine unfachmännisch durchgeführte Untersuchung (Betäubung, Kiemenabstrich) und Behandlung kann die Situation für Notfallpatienten nur verschlechtern.
Stellen Sie in jedem Fall erst einmal die Fütterung ein, wenn die o.a. Symptome eine längere Zeit bestehen. Machen Sie sich ein Bild von der Gesamt-Situation und entscheiden dann, ob ggf. ein Teilwasserwechsel notwendig ist (wenn dies nicht zuvor der Auslöser war J). Es geht dann primär um die Schaffung oder Wiederherstellung guter Umwelt- und Haltungsbedingungen.
Echte Notfälle müssen ohne Umwege für einige Wochen in die Quarantäne. Aus eigenen Erfahrungen kann ich sagen, dass dem Quarantänewasser dann 0,6% NaCl zugesetzt werden sollten. Infos zum NaCl habe ich zufällig da > Salziges
Einen positiven Aspekt für die Verwendung von NaCL - für Mensch und Fisch gleichermaßen - habe ich noch.
Kochsalz hat eine Schleim verflüssigende Eigenschaft und wir nutzen die positiven Effekte z.B. für Nasenspülungen oder im Nasenspray. So ist es denkbar, dass der unter Kochsalzeinfluss flüssigere Schleim der Kiemen sich positiv auf die Abwehr von Krankheitserregern und Dreck auswirkt, analog zur Wirkung von Nasenspülungen. Eine dünnere Schleimschicht begünstigt folglich auch den Sauerstoffaustausch.
(Quellenangaben folgen)
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